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Eintagswörter

::Wortidee::

Wie nennt man eigentlich Wörter, die ein Sprecher aus dem Stehgreif heraus erfindet, die aber nur ein einziges Mal oder ganz wenige Male tatsächlich gebraucht werden?

Stehgreif-Wörter wäre eigentliche eine passende Bezeichnung, wie mir beim Schreiben dieser Frage gerade in den Sinn kommt. Die Sprachwissenschaft nennt solche Einmal-Begriffe (noch eine spontane Bezeichnung) Gelegenheitsbildungen oder Ockasionalismen (laut Duden mit kk: Okkasionalismen).

Diese Einmal-Begriffe haben den Sinn, dass man ganz spontan etwas benennen kann, wo es kein Wort für gibt, oder wofür der Sprecher kein Wort kennt. Die meisten Stehgreif-Wörter sind daher durchaus praktisch. Man formt ein Wort für hier und jetzt, gebraucht es einzwei Mal, und wenn der Ausdruck nicht mehr benötigt wird, wird er einfach wieder vergessen. Praktisch, gell?

Eine Untergruppe der Einmal-Ausdrücke könnte man auch Wegwerf-Wörter nennen. Dieser Begriff ist allerdings für wirklich unsinnige Wortprägungen reserwiert, z. B. für viel Englizismen ;-), sofern sie für den spontanen Sofort-Gebrauch geschaffen wurden.

Damit hätten wir schonmal einige Gleichwörter (Sünnonüme, Synonyme) für den Ausdruck Gelegenheitsbildung bzw. Okkasionalismus zusammen.
Das schönste aller Wörter für diese flüchtigen Bezeichnungen ist aber - für meinen Geschmack - das Wort

Eintagswörter .

Klingt fast wie Eintagsfliegen? Dieses Wort kam mir tatsächlich anlässlich einer entsprechenden Bemerkung in einer Sendung von LebensAer (WDR 5) in den Sinn. Dort wurden Okkasionalismen erwähnt - Wörter, die, wie in der Sendung geschildert wurde, eben wie Eintagsfliegen (ganz spontan geprägt werden und dann) nur ein paar Tage leben. Und ruckzuck sind die Wortneuheiten schon wieder verschwunden.

Eintagswörter vermitteln, find ich, viel anschaulicher, welche Art von Wörtern gemeint ist, als das Wortungetüm Okkasionalimus. Und Eintagswörter klingen zudem viel leichter und beschwingter als eine Gelegenheitsbildung.

Hier einmal ein tüpisches Eintagswort aus dem Bereich Auto, Technik, Natur. Vielleicht auch ein nicht so tüpisches, denn Eintagswörter zeichnen sich ja gerade dadaurch aus, dass sie nicht alltäglich sind.

Kennen Sie die sogenannte Doppelnetzaufhängung?
Nein? Kein Wunder - schließlich sind PKWs mit Doppelnetzaufhängung äußerst selten. Genaugenommen ist mir diese Sonderausstattung für das Automobil bisher nur ein einziges Mal zu Gesicht gekommen - und daher wird der Begriff Doppelnetzaufhängung für den Sachverhalt, den das folgende Foto zeigt, wohl auch eine echte Eintagsfliege bleiben:

Neues von der
Spiegelspinne-Auto-Außenspiegel-Doppelnetzaufhängung
Eher untüpisch für Spiegelspinnen ist die sogenannte Doppelnetzaufhängung. Normalerweise bauen die fleißigen Tierchen ihre Netze direkt im Windschatten des Außenspiegels, was bei Windgeschwindigkeiten zwischen 50 und 150 km/h auch ratsam ist.
Neues von der Spiegelspinne 

Was sagt man dazu? Wenn man das Bild betrachtet, ist sofort verständlich, wie es beim Anblick eines Autospiegels zu dem Wort Doppelnetzaufhängung kommt. (Klingt sehr technisch.) Aber sonderlich häufig kommt die Doppelnetzaufhängung an Auto-Außenspiegeln nicht vor. Nicht einmal bei Spiegelspinnen. Denn die bauen meistens nur ein einziges Netz. Also wird die Stehgreifbildung Doppelnetzaufhängung aller Voraussicht nach ein Eintagswort bleiben. Schade eigentlich. Aber auch nicht weiter tragisch.

Das also war ein praktisches Beispiel für eine Stehgreifbildung, einen Einmalausdruck, eine Gelegenheitsbildung, eine Eintagsfliege oder eben ein Eintagswort.

Die Spiegelspinne übrigens gilt auch offiziell noch als Eintagsfliege. Kann ja gar nicht sein, denke ich mir: Eine Spiegelspinne ist doch keine Eintagsfliege. Oder etwa doch? Immerhin dürfte ab 50 km/h oder drüber sogar eine Spiegelspinne tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes zur Fliege werden - wenn sie nicht rechtzeitig vor dem Fahrtwind in der Verkleidung des Außenspiegels Zuflucht sucht.

Rein sprachlich gilt die Spiegelspinne derzeit als Eintagswort, obwohl sie schon hier und da im Internetz auftaucht. Da es aber Spinnen, die an Autospiegeln ein Netz installieren, in der Natur des Öfteren gibt, hat die Spiegelspinne vielleicht das Zeug, aus dem Leben als Eintagsfliege herauszukommen und als “echte” Wortschöpfung (bzw. als Neologismus)  in unserem Wortschatz heimisch zu werden.

Versuch macht kluch: Wenn Sie beim die Wortneuheit Spiegelspinne im Alltag, in Bloggs, in Zeitungstexten oder anderweitig häufig verwenden, und weitere Leserinnen und Leser ebenso - vielleicht schafft es das Tierchen irgendwann ins allegemeine Netzwerk der in üblichen Wörterbüchern verzeichneten Wörter.
(Kürzlich wurde die Spiegelspinne als Wort sogar in einem holländischen Blogg bzw. Forum gesichtet …) 

Weitere Wissungen zur Spiegelspinne finden Sie hier: http://neusamkeiter.ideesamkeit.de/2008/09/25/die-spiegelspinne/

Zurück zum Eintagswort:

Auch das Eintagswort selber ist nur ein Eintagswort. Es existiert bisher ja gar nicht. Außer in diesem Blogg - und, unabhängig davon entstanden - zweidrei Mal im Internetz. (Einmal auf einer spanischen Seite (”Eintagswort”), rund zweimal als “Eintagsworte” und einmal als “Eintagswörter) [1]

Wenn Sie möchten (Wenn ihr möchtet …), dass das Eintagswort kein Eintagswort bleibt, dann hab ich folgenden Vorschlag: Benutzt es recht häufig, bloggt es, berichtet darüber (eine Quellenangabe (www.ideesamkeit.de bzw. http://www.blog.ideesamkeit.de/ wäre supernett) - und vielleicht wird das Eintagswort so häufig verwendet, dass es die Bezeichnung ganz öfflich (offiziell) in die Kategorie Neologismen (Worterfindungen) schafft. Dazu muss es aber oft genug erwähnt sein. Sonst handelt es sich eben nur um eine Eintagsfliege.

Hier noch einmal die Wortneuheiten auf einen Blick:

Eintagswort, Stehgreifbildung, Stehgreifwort, Eintagsfliege, Einmalausdruck, Einmalbegriff -  alle diese Ausdrücke sind Gleichwörter (Sünnonüme, Synonyme) für die Gelegenheitsbildung bzw. den Ockasionalismus (Okkasionalismus).

Erfunden von: Ideesamkeit (KSp).
- Wobei es die Eintagsfliege als Wort natürlich längst gibt: Sie hat lediglich eine neue, übertragene Bedeutung hinzugewonnen, ist also eine Neubedeutung. Die Stehgreifbildung und den Einmalausdruck gibt es zum heutigen Zeitpunkt (9. Zehnter 2008) laut Google-Suchgewerkel je ein Mal; der Einmalausdruck bezieht sich bisher aber auf ein Druckdokument. Stehgreifwort und Einmalbegriff tauchen noch ganz nicht auf.

[1] Von der Worterfindung unabhängig gesichte Wortbelege:

Das Eintagswort ist als Wort, wie weiter oben erwähnt, bisher selbst in verschiedenen Fassungen nur höchst selten zu finden. In der Einzahl bisher lediglich irgendwo in einem Anuario de Estudio Filológicos von einem Jaques de Bruyne an der Universidad de Amberes. Dass die Worterfindung ausgerechnent in einem fremdsprachigen Werk auftaucht, kommt mir, wie das ganze Dokument, äußerst spanisch vor ;-).

Die Mehrzahl, Eintagswörter, findet sich in dieser Form bis zum heutigen Tage ebenfalls genau einmal, und zwar an der Uni Gießen in einem Dokument von Franz-Joseph Meißner: www.uni-giessen.de/meissner/download/msd-pdf/9eurlex.pdf

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1. Die Spiegelspinne - Beobachtungen vor der Autofahrt

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Hier mitmachen: Mitmachwörterbuch der Worterfindungen

2 Antworten auf “Eintagswörter”

  1. Jasper Habicht sagt:

    Eine schöne Idee, Fremdwörter so zu schreiben, wie man sie eingedeutscht eigentlich schreiben müsste. Ich plädiere z.B. schon länger dafür, dass man Händy endlich mit ä schreibt …

    Ganz davon abgesehen, habe ich aber noch eine weitere Anmerkung, die vielleicht in sprachgeschichtlicher Hinsicht ganz interessant sein dürfte:

    In der Redewendung „aus dem Stegreif“ meint man, dass man spontan etwas tut, ohne groß darüber nachzudenken. Allerdings kommt dieses Wort nicht, wie man denken könnte von der zugegebenermaßen recht anschaulichen Situation, dass jemand im Stehen etwas aus der Luft greift. Vielmehr kommt es von dem Steg-Reif (daher auch ohne h geschrieben), damit ist sozusagen das Trittbrett beim Pferd, der Steigbügel gemeint. Wenn man also früher auf dem Pferd geritten hat/ist, und dabei noch im Vorbeireiten einen Gegner niedergestreckt hat, so hat man dies aus dem Stegreif (heraus) getan.

    Viel Spaß noch weiterhin mit diesem Blog!

  2. ideesamkeit sagt:

    Hallo Jasper,

    danke für deinen spannenden Hinweis zur Wortgeschichte.
    Er ist jetzt als eigener Bloggbeitrag - mit einigen Ergänzungen auf www.blog.ideesamkeit.de veröffentlicht:

    http://neusamkeiter.ideesamkeit.de/2010/01/08/aus-dem-stegreif-aus-dem-stehgreif/

    Ideesamkeit

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