April 2009
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“Die Verteidigungsrede des Judas” - ein Kommentar

 Zuschauermeinung (Rezension, Theaterkritik) zum Theaterstück: “Ich ein Jud - Verteidigungsrede des Judas” (1975) von Walter Jens. Die “Verteidigungsrede des Judas” wurde deutschlandweit und auch in Österreich aufgeführt, jeweils mit unterschiedlichen Darstellern. - Der Anmerk zur schauspielerischen Darbietung bezieht sich daher nur auf eine bestimmte Aufführung mit Guido Meyer. Der Kommentar zum Inhalt bezieht sich dagegen auf das Werk an sich, da dieses im gesamten deutschsprachigen Raum gleich oder ähnlich sein dürfte. - Viele Gesichtspunkte des Stücks ließen sich in der “Kürze” des Kommentars nur bruchstückhaft anreißen.

Wer war’s? – „Logik , ein bisschen Logik!“

Endlich mal was zum Mitdenken. Und „Judas“, eindrücklich gespielt von Guido Meyer*, forderte das Publikum geradezu zum Mitdenken heraus.
*(deutschlandweit auch von vielen anderen)

1. Die schauspielerische Darbietung war genial: Das gesamte Publikum hörte gefesselt zu. Kein Mucks. Und das bei einem einstündigen Monolog. Alle Achtung!
Was mir besonders gefiel: die methodischen Raffinessen. Guido Meyer sprach teilweise von der Kirchenbank aus. So kam der Text voll zur Geltung. Dann wandte er sich mit Fragen, die es in sich hatten, direkt an die Zuschauhörer. Besonders gelungen fand ich die „Diskussion“ mit dem Evangelisten Johannes, den er mithilfe eines Tonbandgerätes zitierte. Ein alter Stoff – aufgefrischt und zeitgemäß! Auch die Emotionen, Fragen und Zweifel des Judas kamen packend, anschaulich und authentisch rüber.

2. „Logik, ein bisschen Logik!“ – so der ausdrückliche Wunsch von „Judas“ bzw. dessen Autor, Walter Jens. „Ja, denkt ihr denn nicht nach?“ In der Tat stand bei vielen Fragen wahrscheinlich nicht nur der Verfasser dieser Zeilen auf dem Schlauch. Ob wir nicht gewusst hätten, dass schon der Prophet Sacharja 30 Silberlinge erhalten hatte? Tatsächlich. Das war mir neu. Schön, dass in der Kirche etwas für die grauen Zellen dabei ist.

Die sollte man übrigens auch gegenüber der Judas-Figur eingeschaltet lassen ;-). Ein Beispiel? Der „Lieblingsjünger Jesu“. Judas gibt zu verstehen, dass eigentlich er, Judas, der engste Vertraute Jesu gewesen sei. Der Osterbericht lässt daran Zweifel aufkommen: Petrus und der Lieblingsjünger gingen zum leeren Grab. Judas als Lieblingsjünger? Judas war zu diesem Zeitpunkt schon lange tot.

Sehr erfreulich: Walter Jens wendet sich dagegen, einfach Judas den Mord an Jesus in die Schuhe zu schieben oder gar einen Völkermord – wie im Dritten Reich geschehen - damit rechtfertigen zu wollen. Da ist Paulus mit Jens ganz einer Meinung: (vgl. Röm. 3,9 ff. u. 11): „Kein einziger Mensch steht vor Gott mit weißer Weste da.“

Trotz dieser guten Aussagen redet „Judas“ aber auch eine Menge Unfug: „Respekt, Johannes. Wen du erledigen willst, den triffst du auch.“ Dramaturgisch gut macht, unterhöhlt die Diskussion mit Johannes zugleich die Glaubwürdigkeit des Evangeliums. Das stimmt nachdenklich.

Wer hat die entscheidende Leistung erbracht?

Judas schildert sich als äußerst „demütig“ und „gehorsam“. Wohin seine scheinbare Demut aber führt, zeigt ein fiktiver Dialog zwischen Judas, Paulus und einem Zuschauer des Theaterstücks, das, in anderer Besetzung, auch deutschlandweit aufgeführt wurde. Die Zitate entstammen den Aussagen der Judas-Figur in der „Verteidigungsrede“ und stimmen, was ihre Zielrichtung angeht, nachdenklich.

Die brennendste Frage ist die: Wer hat die entscheidende Leistung erbracht? Wegen wem feiern wir Karfreitag und Ostern?

Judas:        „… ich habe es getan [Jesus verraten] und darum seid ihr erlöst.“
Zuhörer:   Hoppla! Ich dachte immer, wir wären durch Jesus mit Gott im Reinen.
Judas:       „Judas ist nichts ohne Jesus – aber Jesus ist auch nichts ohne Judas.“
Zuhörer:   Haben wir als Christen in Wirklichkeit dir, Judas, unsere Rettung zu
                   verdanken?
Judas:       Ohne mich wäre Gottes Plan gescheitert.
Zuhörer:   Klingt nach Teamwork. Bist du sicher, dass Gott ohne dich hilflos gewesen
                   wäre? Vielleicht hätte dann an anderer Jesus verraten.
Judas:       Nein.
Zuhörer:   Dann bist du quasi Mit-Erlöser? Genauso wichtig wie Christus?
                   Ein zweiter Christus …irgendwie erinnert mich das an was. Du bist nicht 
                   etwa von der Möchtegern-Konkurrenz?
Judas:       Einer musste ja den Teufel spielen. Aber ich tat es, weil Jesus mich darum
                   gebeten hat.
Paulus:     Sollen wir etwa Böses tun, damit Gutes dabei herauskommt? Niemals!
                   (vgl. Röm. 3, 8)
Judas:       „Es wäre leichter gewesen, an seiner Stelle zu sterben, als ihn töten zu
                   müssen“. Ich wollte Jesus trösten. Er sollte sich sagen: Judas ist noch
                   einsamer gestorben als ich.
Zuhörer:  Genaugenommen hast du, Judas, also den größeren Beitrag für unsere
                   Errettung erbracht als Jesus?? Du bist wichtiger als Jesus???
Judas:       So direkt habe ich das nicht gesagt …
Zuhörer:   Sondern?
Judas:       „Ich [,Judas, war es], der voranging, und er [Jesus], der mir nachfolgte.“

Zuhörer:   Ja, wie nun? Das Johannes-Evangelium wird ganz beiläufig für
                   unglaubwürdig erklärt. Wenn Judas nicht gewesen wäre, hätte
                   es trotz Jesus weder Karfreitag noch Ostern gegeben? Ohne
                  Judas keine Erlösung? Und Judas ist genaugenommen noch 
                  wichtiger als Jesus?

                  Ach ja, jetzt fällt mir auch wieder ein, woran mich der
                  zweite Christus erinnert. Judas Ischariot wird von Jesus
                 „Sohn des Verderbens“ genannt (Joh. 17,12). Den gleichen Titel
                 erhält auch ein ganz anderer, der im 2.Thessalonischer-Brief
                 (2,3-4) erwähnt wird: der Antichrist (Ersatz-Christus, zweiter
                 Christus). Aber der lehnt sich gegen alles auf, was mit Gott zu tun
                 hat und handelt ganz gewiss nicht in göttlichem Auftrag …

Die Verteidigungsrede des Judas – Fazit:

Um Judas noch einmal zu zitieren: „Ist das gelungen?“ - Schauspielerisch ein ganz klares Ja. Von Guido Meyer genial gespielt. Inhaltlich wirft der Autor Walter Jens gute Fragen auf. Viele davon lassen sich vermutlich nicht klären. Die oben zitierten Antworten des „Judas“ stellen diesen aber klammheimlich auf eine Stufe mit Jesus – oder noch über ihn. Und das scheint mir, zumal das Stück von verschiedenen Darstellern deutschlandweit vorgetragen wurde dann doch in die falsche Richtung zu gehen. Wer hat denn die entscheidende Leistung an Karfreitag erbracht?

Text & (c) 2009 bei Ideesamkeit (KSp.) 

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