Zu schön, um wahr zu sein: Bremer Fitness-Studio wirbt mit muskelbepaktem Jesus, der das Kreuz zerbricht.
Bremen (idees.) Ein Fittnessstudio im Bremer Stadtteil Gröpelingen wirbt mit einer ganz besonderen Postwurfsendung: Ein muskelbepackter Jesus zerbricht mit Bizeps und Muckis das Kreuz, an dem er hängt. Das berichtet der Weser-Kurier in einer Meldung vom 20.01.2010.
1. Bildmotiv und Presse-Echo - Worum geht’s?
2. “Wo Christ draufsteht ist auch Christ drin” ??? - Ein Kommentar
1. Bildmotiv und Presse-Echo - Worum geht’s?
Die Idee zum Bildmotiv des muskelgestählten Jesus, der das Kreuz zerbricht, stammt dem Weser-Kurier zufolge von Leslie Muldrow, dem neuen Pächter des Studios. Der gebürtige Amerikaner wolle “Jesus wieder ins Gespräch bringen” - und zu diesem Zweck könne ein bisschen Provokation nicht schaden.
Okee aus Kirchen und christlicher Presse
Die christliche Presse allerdings bleibt gelassen: “Wo Christ draufsteht ist auch Christ drin”, kommentiert beispielsweise das Christliche Medienmagazin pro und verweist auf die Freie Christengemeinde Bremen, auf deren Grundstück das Fittnessstudio “G-Youth” steht. Zumindest in diesem Fall sei das “Studio, das mit Christus wirbt, […] tatsächlich christlich.”
Auch Martina Höhns, eine Sprecherin des katholischen Gemeindeverbandes, findet das Bildmotiv laut Weser-Kurier grundsätzlich in Ordnung. Schließlich sei die Aussage, dass Jesus durch seinen Tod am Kreuz den Tod überwindet, korrekt. Und die Sprecherin der Bremischen Evangelischen Kirche, Sabine Hatscher, führe die Pauer-Darstellung von Jesus Christus schlichtweg auf die amerikanische Mentalität zurück.
Das Magazin ideaSpektrum berichtet ähnlich.
2. “Wo Christ draufsteht ist auch Christ drin” - Tatsächlich? Ein Kommentar.
“Wo Christ draufsteht, ist auch Christ drin”. Echt? Kucken wir mal nach: Der Leiter des Fittnesstudios wollte Jesus ins Gespräch bringen. Das ist gut. Aber welchen Jesus bringt er ins Gespräch? Ein Blick auf die Abbildung im Weser-Kurier zeigt diesen Jesus ganz klar: Waschbrettbauch, muskelbepackt, vor Kraft strotzend. Klar, ein Vorbild fürs Fittnessstudio, ist ja ein Werbeplakat. Dass Jesus nach dem Verhör, das der Kreuzigung vorausging, und sogar nach der Folter wahrscheinlich eher erschöpft und völlig ausgelaugt war - und das ist noch stark beschönigt - (nachzulesen in Matthäus 26-27), muss man in diesem Zusammenhang ja nicht extra erwähnen. Auch dass Jesus auf dem Weg zur Schädelstätte, dem Ort der Kreuzigung, wahrscheinlich unter dem Kreuz zusammenbrach, lassen wir mal lieber beiseite. Ein Zuschauer, der eigentlich gar nix mit dem ganzen Geschehen zu tun hatte, musste die Holzbalken für Jesus tragen (Mt. 27,32). Offensichtlich war Jesus dafür viel zu schwach.
Passt nicht so gut zu nem Werbeprospekt für ein Fittnessstudio. Aber geschenkt. Man kann die Vorgeschichte ja weglassen. Kucken wir lieber auf das Kreuz. “Wo Christ drauf steht, ist auch Christ drin”. Tatsächlich? Waschbrettbauch, muskelbepackt, vor Kraft strotzend. Mit seiner eigenen Muskelkraft hat Jesus - während er am Kreuz hängt - den Querbalken des Kreuzes auseinandergerissen. Im Werbeprospekt versteht sich. In der Wirklichkeit konnte er das Kreuz nicht einmal tragen - geschweige denn auseinanderreißen.
Was passiert als Nächstes?
Aber okee. Auf dem Bild hat Jesus das Kreuz auseinandergerissen. Was passiert jetzt? Dass dieser Jesus das Kreuz wieder zusammenbaut, ist unwahrscheinlich. Warum sollte er, wenn er den Balken grad zerstört hat. Geht Jesus vom Kreuz runter, direkt ins Grab? Man verzeihe die saloppe Ausdrucksweise. Aber dass der Jesus auf dem Bild, im Vollbesitz eines durchtränierten und gestählten Körpers, direkt ins Grab geht, halte ich für unwahrscheinlich. Er ist ja nicht tot. Was soll er da im Grab? Auf dem Bild gibt es eigentlich nur eine gefühlte Fortführung der Geschichte: Jesus steigt vom Kreuz runter, wie nach einem Träning im Fittnessstudio - und gut ist. Das wäre das Naheliegendste.
WWJT - Was würde Jesus tun?
Auf der Verpackung steht “Jesus Christus”. Aber ist auch tatsächlich Jesus drin? Ob der Inhalt echt ist, lässt sich ganz einfach rausfinden: Was würde der echte Jesus tun? Ein Blick in Matthäus 27, 40 -43 gibt zu denken: “Steig herab”, spotten eine Reihe von Menschen. “Wenn du der Sohn von Gott bist, dann komm doch vom Kreuz runter!”
Das ist genau das, was der Jesus auf dem Werbebild gerade macht. Er reißt das Kreuz in Stücke. Gleich wird er wahrscheinlich vom Kreuz runtersteigen.
Und der echte Jesus? Komisch: Der bleibt am Kreuz hängen. Der lässt sich verspotten. Der verbietet seinen Gegnern nicht mal den Mund. Das soll einer verstehen! Unlogisch ist das aus dem menschlichen Blickwinkel schon. Vor allem: War Jesus denn so schwach, dass er sich nicht mehr wehren konnte? Ja, als Mensch schon. Wie gesagt, er konnte schon vor seiner Hinrichtung nicht einmal mehr den Querbalken tragen.
Allerdings: Jesus hätte tatsächlich vom Kreuz steigen können, wenn er das gewollt hätte. Er ist ja auch Gott, Gottes Sohn. Hätte er seine göttliche Kraft in Anspruch genommen, wäre das mit dem Querbalken wohl kein Problem gewesen.
Noch kurz zuvor, bei seiner Festnahme im Garten Getsemane, hatte Jesus einen übereifrigen Jünger sinngemäß mit folgenden Worten zurechtgewiesen: “Steck dein Schwert weg. [….] Hey, ich könnte meinen Vater im Himmel (= Gott) um Hilfe bitten: Dann wären ruckzuck mehr als 72.000 Engel zur Stelle.” (Mt 26, 51-54)
Warum tut Jesus dann nichts???
72.000 Engel? Mit der Eskorte hätte es gar nicht zur Festnahme Jesus kommen müssen. Und selbst vom Kreuz wäre Jesus ohne Schwierigkeiten wieder weggekommen. - Warum aber … nutzt Jesus seine Kraft nicht???
Die Antwort ist so einfach wie unverständlich: “Wenn ich mich nicht festnehmen lasse - wie sollen dann die Voraussagen der Heiligen Schrift erfüllt werden?”
Mit anderen Worten: Wenn Jesus vom Kreuz steigt - wie das Werbebild des Fittnessstudios gefühlt nahelegt - dann können wir unseren ganzen christlichen Glauben in der Pfeife rauchen.
Kurz und gut:
Leslie Muldrow wollte laut eigener Aussage ein provozieren, um Jesus ins Gespräch zu bringen.
Genaugenommen hat er aber gar nicht provoziert. Außer vielleicht einige Christen ;-) - und bei denen ist Jesus ja schon im Gespäch. Im Gegenteil: Das Bild im Prospekt des Fittnessstudios hat die eigentliche Provokation des Kreuzes plattgebügelt. Die eigene Kraft rettet - das liegt ja voll im Trend.
Dass der Sohn von Gott die grausamen Schmerzen, den Spott der Leute und sogar den Tod scheinbar hilflos erduldet - obwohl er vom Kreuz hätte steigen können: Das ist der Skandel beim Kreuz. Und vielleicht auch, dass sich kein Mensch, weder körperliches noch durch geistiges Body-Building selbst erlösen kann.
Aber gerade diesen Skandal hat das Fittnessbild völlig entschärft.
Vielleicht ist doch nicht überall Jesus drin, wo Jesus draufsteht.
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Quellen:
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